Unser Rennfahrer Christian ist gestern beim Ötztaler am Start gestanden. Zeit im Ziel: Unglaubliche und bombastische 7:47!!! Hier könnt ihr lesen wie es ihm auf den 239 Kilometern ergangen ist.

Das war mein erster und letzter Ötztaler Radmarathon, 26.08.2012

Wo soll man anfangen, wenn man über DAS Rennen seines Lebens schreiben soll. Dem ersten und zugleich letzten Ötztaler Radmarathon eines Rennradbesessenen. Lasst mich mit einem kurzen Wetterbericht anfangen, denn die Wettervorschau an den preötzischen Tagen beschäftigte wahrscheinlich nicht nur mich intensiv. Von Regenschauern am Start bis Schneefall am Timmelsjoch war alles zu lesen. Ein Graus. Da ich Hitze nicht leiden kann, kam mir im Vergleich zu den anderen Teilnehmern das Wetter sicher zugute, aber a) wer will schon auf nassen Straßen fahren und b) fuhr ich nicht gegen die anderen sondern gegen mich, denn ich wollte beim ersten und letzten Antritt unter 8 Stunden fahren und quo ad vitam sind diese Art von Radmarathons nicht gerade zu unterschätzen. Da ich seit über zwei Monaten stolzer Familienvater bin, war oberste Priorität gesund ins Ziel zu kommen. Deshalb hätte ein regnerischer Tag unweigerlich bedeutet, dass ich die 8-Stunden-Marke nicht unterboten hätte, denn dann hätte ich wahrscheinlich allein in den Abfahrten eine halbe Stunde Zeit liegen lassen. Nun gut. Am Vorabend war ich trotz der wie üblich sehr gechillten Atmosphäre am Abendtisch mit Kumpel und diesmal Betreuer Manni sehr nervös. Immer wieder geisterte mir das Bild einer verregneten Kühtai-Abfahrt durch den Kopf. Bis nachmittag sollte das Wetter besser werden. Für den Start war Regen vorausgesagt. Um das Kapitel Wetter nicht zu ausführlich zu präsentieren, hier die Kurzfassung: kein Regen am Start, aber teils nasse Straßen. Angenehm kühl aufs Kühtai, beil teils nassen Straßen auf der Abfahrt. Zwanzigminütiger Regenschauer in und um Innsbruck. Dann bis zum Timmelsjoch für mich optimale Bedingungen, d.h. trocken und eher frisch, aber nicht eiskalt. Passhöhe Timmelsjoch gab es krassen Gegenwind, in der total flachen Galerie oben kam ich kaum vom Fleck und lies wertvolle Minuten liegen. Die Abfahrt bis Obergurgel war von epischem Gegenwind geprägt, auf der berüchtigten high-speed Passage wo regelmäßig die 100 km/h überschritten werden hatte ich höchstens 50 km/h drauf und musste sogar tretend nachhelfen. Ab Obergurgl, wenn man meint man hätte es geschafft kam dann der schlimmste Teil. Plötzlich eiskalt und feiner hagelartiger Regen und mächtiger Gegenwind. Ich schlatterte am ganzen Körper und habe auch hier viele Minuten liegen lassen, da ich mehr mit Bremsen als mit Treten beschäftigt war.

Da ich dem Veranstalter im Vorfeld meine guten Leistungen vom Tannheimer Radmarathon (15.) und Mondsee Radmarathon (19.) dieses Jahres kund tat, durfte ich in den ersten Startblock (nach den VIPs). Ich begab mich bereits um 5:45 an den Start und konnte direkt neben Martin Fritz in die Pole Position gehen, ganz vorne links. Dann gab es noch eine Pinkelpause und um 6:45 ging es nervös ans Eingemachte. Von Sölden bis Ötz fuhr ich bereits teilweise am Limit, da ich mich ständig an den ersten Positionen aufhielt, da ich das als am sichersten erachte. Besser einige Körner verschenken und gut ankommen, dies war die Devise von Anfang bis zum Schluss. Immer wieder wurde ich an den Kreisverkehren von einigen Dutzend Leuten überholt und überholte in einigen Intervalleinheiten gleich wieder zurück. Während dieser Abfahrt hatte ich die einmalige Ehre viele Minuten am Hinterrad des legendären Jan Ullrich zu verbringen, der mit seiner aktuellen Figur optimalen Windschatten spendete und hinter dem man sich in Sicherheit wägen konnte, denn wenn jemand abfahren kann, dann wohl er, dachte ich mir. Na gut. Unter den ersten ging es dann alsbald von Ötz rechts rein richtung Kühtai. Meine Beine fühlten sich nicht gut an. Ich war in den Vorwochen zweimal diesen Anstieg gefahren, und konnte jetzt im Rennen nur mit einem leichteren Gang fahren, ok, vielleicht auch mit einer höheren Umdrehungszahl. Jedenfalls fühlte ich mich nicht gut. Seitenstechen, übles Gefühl in Bauch und Beinen. Manni hatte mir zwar aufgetragen ich dürfe bei Gott nie nie nie vorne im Wind fahren, aber ich hörte nicht auf ihn und musste anscheinend bereits jetzt, kurz nach Ötz, Tribut zollen. Auf der anderen Seite wusste ich, dass ich mir bei kalten Bedingungen den ein oder anderen Ausflug in überschwellige bis maximale Intensitätsbereiche leisten kann, auch bei langen Rennen. Bei Hitze funktioniert das nicht. Ich fuhr an der Seite von Martin Fritz, denn ich wusste dass er viel Ötzierfahrung besitzt und mit der Verfolgergruppe in Innsbruck ankommen wird. Nach dem ersten Flachstück wurde das Tempo etwas reduziert und ab Ochsengarten fühlte ich mich dann erstmals wieder richtig gut. Die kurze 16%-ige Steilrampe konnte ich sehr gut raufdrücken, sparte mir sogar das 25er Ritzel und fuhr mit 39-24 hoch, auch wieder gegen die Predigt von Manni, ich solle bloß nicht zu harte Gänge fahren. Dann ging es so dahin, übers Kühtai fuhr ich als erster unserer Gruppe und in der Abfahrt galt wieder: zur Sicherheit ein kleines Loch auffahren und die Abfahrt vorne alleine bestreiten. So tat ich dann auch und fuhr bis St. Sigmund allen davon. Vor Gries holten sie mich wieder ein, aber der gefährlichste Teil war schon hinter uns. Puhhh. Von Gries bis Kematen machte ich wieder gegen Mannis Ratschläge Tempoarbeit, durch die Galerien, abwechselnd mit einem anderen Fahrer. Da ich diese Abfahrt liebe und vor einer Woche mit 37 Minuten einen Abfahrtsrekord (Kühtai-zuhause) aufgestellt hatte, hielt ich mich aber gerne ganz vorne auf und hatte einen riesigen Spaß dabei. Auch durch Kematen blieb ich weit vorne, da ich wusste dass Kumpel Edi hier auf mich warten würde zum Anfeuern und ich ihn sehen wollte. Von Kematen bis Innsbruck versteckte ich mich dann in der Gruppe, um kurz vor dem Bergisel wieder nach vorne zu fahren und ein 20 Meter Loch zu aufzureißen. Meine zwei Schätze warteten nämlich hier auf mich, mit einer Radflasche, und ich wollte einerseits dass sie stolz sind wenn Papi als erster der Verfolgungsgruppe (wir hatten angeblich 6 Minuten Rückstand) daherrauscht und andererseits dass die Flaschen-Übergabe möglichst stressfrei vonstatten gehen konnte. Es lief wunderbar und ich war glücklich noch ein Busserl mit auf den Weg bekommen zu haben. An den Schienen oben kam es leider zu einem Sturz aber ich konnte gerade noch ausweichen. Gleich danach kam es dann zum härtesten Part des Tages. Pauli Lindner fuhr an die Spitze und machte ein mörderisches Tempo. Wir hatten Rückenwind und er tretete zudem in die Pedale als gäbe es kein morgen. Wir donnerten bei Schönberg an den Straßensperren (gesperrt für Autos, Murenabgang) vorbei, im leichten Anstieg, immer mit 53-22 vollgas. Im Flachen bei Matrei/Steinach wurde es nicht gemütlicher, im Gegenteil, Pauli bolzte noch mehr. So ging es auf den Brenner hinauf, den ich direkt als zweiter hinter dritter hinter Lindner und Unbekannt überquerte. Mit einer Zeit von 1:01 von Innsbruck nach Brenner fuhren wir einen Schnitt von über 37 km/h, ich fuhr sogar die drittschnellste Zeit vom ganzen Feld, und bin obwohl ich nie Führungsarbeit leistete, stolz darauf. So schnell werde ich mein Leben lang sicher nie mehr auf diesen Hügel fahren. Auf der Abfahrt fuhr ich immer als zweiter am Hinterrad von Pauli, ab Sterzing versteckte ich mich im Feld, denn ich wusste, dass nun mein eigenes Rennen beginnen würde. Eigentlich war ich ein bisschen schockiert, ich wusste nämlich dass ich in einer zu schnellen Gruppe war, Martin Fritz war auch nicht mehr dabei, alles Leute mit erwarteten Endzeiten von 7:20-7:35. Mir war bewusst, es gibt nur noch eine Chance für sub 8: „Christian, fahr jetzt den Jaufen im Grundlagentempo ganz gemütlich hoch, lass ich überholen, mach dir nichts draus, und Timmelsjoch fahrst du auch ganz gemütlich, dann hast du die Katze im Sack“. Diesen Satz redete ich mir von da an immer und immer wieder ein. So tat ich dann auch. Den Jaufen fuhr ich ganz locker hoch, plauderte mit einem netten Mitstreiter vom Team Pirchnerbau Denifl und erfreute mich an einem meiner Lieblingspässe, dem Jaufenpass. Er ist einfach nur schön zum Fahren, nicht zu steil, immer schön kontinuierlich, immer wieder eine feine Kehre, keine endlosen Geraden, selten Gegenwind, einfach ein Traum. Vor und hinter mir war weit und breit niemand, wir waren stets zu zweit. Auf der Passhöhe hielt mein Kamerad kurz an, ich stürzte mich alleine in die Abfahrt. Es war super, ich hatte viel Respekt vor den schlechten Straßen dieses schier endlosen Weges hinab bis St. Leonhard, konnte aber mutterseelenallein hinabfahren. Ich hielt mich zurück, „diese 2 Minuten sind gönnst du dir jetzt“ dachte ich mir. Gut so. Ich fühlte mich noch sehr gut, die Beine waren ok, der Kopf frisch. Aber nun begann es, das Timmelsjoch, der Ort des Verderbens, ich hatte noch genau die Stelle im Kopf, an der ich vor 3 Wochen bei meiner erstmaligen Ötzistreckenbesichtigung, einen Hungerast erlitt, mitten in den letzten Kehren auf über 2000 m Höhe. Respektvoll fuhr ich ganz langsam durch das Dorf, fuhr noch auf ein Grüppchen auf, 4-5 Leute. Da meine Blase randvoll war, gönnte ich mir eine lange Pinkelpause (mann mann mann, es hörte einfach nicht auf), war aber nicht unfroh darüber, denn so wurde ich nicht verleitet zu schnell zu fahren und konnte meinen eigenen Stiefel fahren. Ganz verhalten ging es in den Anstieg hinein, ich wurde von einigen Fahrern überholt, aber das machte mir nichts aus, denn am Jaufen wurde mir von einem Zuschauer zugerufen, ich sei an 30. Stelle so um den Dreh. Auch Martin Fritz, der sogar unter 7:40 fahren wollte, war hinter mir noch nicht zu sehen. Ich gönnte mir von anfang an das 25er-Ritzel, im Wiegetritt das 24er. Noch war die Welt in Ordnung. Immer wieder blickte ich mich nach dem bike-point-Shirt von Martin um. Noch nichts zu sehen. Mir wurde immer bewusster, dass ich schlicht und einfach nur noch ganz gemütlich weiterrollen müsse, einfach noch überleben bis am Timmelsjoch, dann passt das mit den sub 8. Direkt vor dem kurzen Flachstück war es dann soweit. Martin schloss auf, und ich hängte mich mit seinem OK an sein Hinterrad, um noch die letzte Möglichkeit auszuschöpfen, Körner zu sparen. Wenn es dann in die epischen Kehren ging, lies ich ihn fahren, um nicht zu überpacen. Nun ja, und nun begannen sie, die Krämpfe. Sie waren bei Weitem nicht so krass wie die beim Vita Club Radmarathon diesen Jahres, als ich fast stehen blieb. Aber sie waren da. Ich wusste genau wie ich zu pedalieren hatte, um den betroffenen hinteren Oberschenkelmuskel links nicht zu beanspruchen. Trotzdem fuhr immer wieder ein Krämpfchen ein. Ich schonte mich möglichst, trank die super Cola, die ich mir noch im Flachstück an der Labe geholt hatte. Am besten fuhr es sich im total aufrechten Wiegetritt, da man hier den Popomuskel und Rückenmuskel stark beansprucht und die Beine etwas schont. Die Kehren nahmen kein Ende, noch einige Fahrer überholten mich, mir alles egal, hauptsache irgendwie hinaufkommen. Ich wusste nach meiner Erkundung vor 3 Wochen, dass ich es geschafft hatte, sobald die Galerie auftaucht. Nun ja. Oben angekommen war ein Gegenwind wie ich ihn selten erlebt hatte. Und bei den letzten Höhenmetern, wirklich die letzten 50, wurden die Krämpfe krass. Autsch, nun auch rechts, und sogar vorne am Schenkelstrecker. Ich musste fast absteigen und schieben. So ein Mist. Aber dann fuhr ein Moped neben mir her, mit Filmkamera, reichte mir auch Wasser, die Welt war trotz Schmerzen wieder in Ordnung. Die Abfahrt war doof. Nebelig und sehr windig. Viel Bremsen in den Kehren und viel Treten auf den Geraden war angesagt. Ich hatte nur noch das kurze Shirt an, und die Ärmlinge. Die warme Weste hatte ich am Jaufen bei meinen Eltern „entsorgt“ (hatte aber noch eine Sicherheitsregenjacke in der Trikottasche). Aber es war mir nicht kalt. Dies änderte sich ab Obergurgl. Plötzlich war Winter. Eisig kalt. Regenschauer, ganz feine und teilweise gefrorene Tropfen bei starkem Gegenwind. Im Flachen 15 km vor Sölden holten mich noch zwei Fahrer ein, ich hängte mich an ihr Hinterrad, den Krämpfen trotzend und teilweise mit den Armen beim Treten nachhelfend. Auf dem nächsten Steilstück musste ich sie in den Kehren ziehen lassen, denn sie gingen für meinen Geschmack zu viel Risiko ein, außerdem zitterte ich am ganzen Körper. „Ich lass mir doch jetzt nicht auf den letzten 5 km Abfahrt alles versemmeln, die vielen Stunden des Kampfes“ ging es mir durch den Kopf. Ich fuhr alleine weiter. Ich glaube mich zu erinnern richtig mit den Zähnen geknirscht und auch den ein oder anderen Schrei von mir gegeben zu haben, als würde ich in einem Boxring stehen. Ein Schrei des Leides, der Glückseligkeit und der Genugtuung es endlich geschafft zu haben. Nach 3 Riegeln, 15 Gels und über 4 Litern Isogetränken war ich nun im Ziel, mein „Traum“ wurde wahr. An der Ortseinfahrt in Sölden schaute ich zum ersten Mal auf meine Uhr: 7:46 stand drauf, überglücklich donnerte ich mit letzter Gewalt noch vollgas an einem zaundürren Italiener vorbei und fuhr in das schön aufgebaute Zielgelände ein. Total erfreut erblickte ich zuerst meine Eltern, die mich überraschenderweise nach ihrer Helferaufgabe in Sterzing noch im Ziel besuchen kamen. Dann sach ich die Dose Red Bull die mir gereicht wurde, dann meinen besten „amigo“ Manni Reiter, der mich das gesamte Wochenende über betreut und abgelenkt hatte. Den Moment als er mich umarmte und fast mit Freudentränen in den Augen sprach „Chrischtian, i bin soooo stolz af di!“ werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Es war ein einmaliger Moment und Worte von einem Menschen der versteht, was man als normaltalentierter Sterblicher investieren muss, um so eine Leistung abzurufen.

Das war er nun mein erster und letzter Auftritt bei diesem mysthischen und legendären Radmarathon. Danke an die Veranstalter für die hervorragende Organisation.

Hier noch die Details am Rande:

Fahrzeit: 7:47.18
Durchschnitt: 30,557 km/h
Gesamtrang: 47

Wie das Glück so spielt wurden wir auf dem Heimweg, einige Meter vor der Ausfahrt Innsbruck West, von diesem wunderbaren, sich vom Planötzenhof bis zum Mentelberg aufspannenden, Regenbogen (teils doppelregenbogen, im Bild nicht gut zu erkennen), in der geweihten Stadt wilkommen geheißen.

Regenbogen über Innsbruck

Ötztaler Radmarathon 2012

PS: wer Rechtschreib- und/oder Grammatikfehler findet, darf sie natürlich behalten und daraus das streng geheime Codeword basteln.

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